Wie kam die Zunft zu ihrem Namen?

 

Ein Spaziergang durch die Uerdinger Geschichte auf den Spuren der „Braunschweiger“

„Wir begrüßen unsere Gäste aus der Stadt Braunschweig ......”, so oder ähnlich schallte es schon oft von den Bühnen außerhalb Uerdingens unserer Tanzgarde entgegen. Eigentlich ganz normal, denn „Braunschweiger Narrenzunft” wird zunächst mit der Stadt Braunschweig in Verbindung gebracht, und keineswegs mit der Rheinstadt Uerdingen.

Wie kommt nun eine Uerdinger Karnevalsgesellschaft an den Namen „Braunschweiger Narrenzunft”?

Im 19. Jahrhundert dehnte sich die Stadt Uerdingen am Rhein weiter aus und es entstand an der damaligen Moerser Straße im Norden der Stadt ein neuer Stadtteil, der nach einiger Zeit von der Bevölkerung „Braunschweig” genannt wurde.
Wie dieser Ortsteil im Uerdinger Norden zu dieser Bezeichnung gekommen ist, dürfte heute wohl kaum völlig geklärt werden.

Eine der bekannten Darstellungen besagt, dass in diesem Stadtteil längere Zeit Fremdarbeiter aus Braunschweig gewohnt haben sollen, die das Leben in ihrer Umgebung entsprechend geprägt haben.

Mit ziemlicher Sicherheit karnevalistischen Ursprungs ist die Darstellung, dass im Uerdinger Norden ein Mann namens „Braun” gewohnt haben soll, der immer schwieg.

Unbestritten ist auf jeden Fall eine Verbindung Uerdingens mit dem Herzog Christian von Braunschweig im Jahre 1625 und seinem Nachfahren, dem Prinzen Ferdinand von Braunschweig im so genannten 7- jährigen Krieg zwischen 1756 und 1763.

Im Dreißigjährigen Krieg gehörte der Herzog Christian von Braunschweig zu jenen Generälen, die in fremdem Solde Kriegsgräuel an den Niederrhein brachten. Auch die Rheinstadt Uerdingen wurde davon nicht verschont.

In der Nacht des 4. Juli 1625 um die dritte Stunde erschien vor der Niederpforte ein einzelner Mann und verlangte, den Wachtmeister, Kapitän Schmitt, zu sprechen. Während des Gespräches hängte er eine Petarde (damaliger Ausdruck für Sprengladung) an das Tor und zündete diese. Durch die Explosion wurde ein Flügel des Tores zerstört.

Durch die entstandene Öffnung stürmten Soldaten in die Stadt, die aus der Dunkelheit von allen Seiten kamen. Im Lärm der Fanfarenstöße und dem Knattern von Handbomben ließen sich viele Bürger verstört und kopflos an der Stadtmauer hinab, um so durch die Flucht dem Feind zu entgehen. Wenige Bürger versuchten einen geordneten Widerstand, der aber letzten Endes nutzlos war.

Die Stadt Uerdingen kam so nahezu widerstandslos in Feindeshand. Herzog Christian von Braunschweig hielt an der Spitze seiner Söldnertruppen aus seinem Lager im Norden vor der Stadt kommend einen triumphalen Einzug in die Stadt, nicht aber um sie zu besetzen und besetzt zu halten, sondern um an Geld für die Bezahlung seiner Söldner zu kommen.

Die Beute war beträchtlich, da auch viele Bürger und Bauern aus der Umgebung mit ihrem gesamten Hab und Gut vor den Söldnertruppen in die vermeintlich schützende Stadt geflüchtet waren. Der Gesamtwert wurde von Wüstrath mit 50.000 Goldgulden berechnet, die im Kriegsschadenverzeichnis von 1673 mit 200.000 Reichstalern Verlust für die Stadt aufgerechnet wurden.

Aber auch auf den Kirchenschatz hatte der Herzog ein Auge geworfen, nur die Rechnung ohne den standhaften und mutigen Pfarrer Wüstrath gemacht. Der Pfarrer erreichte, dass der Kirchenschatz gegen Zahlung einer aufzubringenden Abstandssumme verschont blieb, was allerdings für ihn selbst nicht galt. Pfarrer Wüstrath und mehrere Bürger mussten sich fast einen Monat lang im Lager des Herzogs zu Dorsten dessen derbe Späße gefallen lassen, bis sie wieder freigelassen wurden, was allerdings auch nicht ohne Zahlung eines weiteren Lösegeldes geschah, welches gnädigerweise für den Pfarrer vom Kurfürsten von Köln ersetzt wurde.

Zurück aber zur Stadt Uerdingen und der Besetzung. Wer gedacht hatte, der Herzog würde sich längere Zeit in der Stadt aufhalten, wurde - in diesem Fall angenehm - überrascht.

Bereits nach sieben Stunden, als die auf dem Kirchturm postierte Wache das Nahen des Feindes verkündete, trat der Heerhaufen, nachdem er weidlich gezecht und geplündert hatte, den Rückzug an und löste auch das Lager im Norden vor der Stadt auf.

Bis zum Jahre 1758 hatte die Rheinstadt Ruhe vor den Braunschweigern, genauer bis zum 20. Juni 1758. An diesem Tage und noch einmal am 27. Juni fielen die Truppen des Prinzen Ferdinand von Braunschweig vom Norden kommend unter dem Befehl des Generalmajors von Wangenheim in die Stadt ein und erhoben von der Bürgerschaft “unverschuldeter Weisen” eine „Brandschatzung”. Diese wurde auf 1000 Stück Pistolen (5833 Reichstaler) und 15.000 Rationen festgesetzt. Da die geforderten Summen nicht sofort aufgebracht werden konnten, übernahm der Hofrat Voß zu Duisburg die Bürgschaft. Trotzdem aber wurden die Uerdinger Bürgermeister Kreitz und Herbertz als Geiseln nach Duisburg mitgeschleppt.

Die Gesamtkosten dieses Einfalls wurden sehr verschieden auf 16.000 bzw. 24.000 Reichstaler beziffert.

Und wieder hatten die Bürger der Rheinstadt Uerdingen eine gewisse Zeit Ruhe vor den “Braunschweigern”, die allerdings auch nur bis zum Jahre 1924 andauern sollte.

Im Jahre 1923 wurde der Bühnenbund des Cäcilien-Kirchenchores der Pfarre St. Heinrich im Uerdinger Norden gegründet, aus dem im Jahre 1924, nachdem karnevalistische Veranstaltungen wieder gestattet wurden, die „Braunschweiger Narrenzunft” hervorging.

Auch diese „Braunschweiger” “fielen über die Uerdinger Bürger her. Der erste Präsident der „Braunschweiger Narrenzunft”, Peter Blaumeiser, eiferte seinem Vorgänger, dem Prinzen Ferdinand  aus den Jahren um 1750 insofern nach, als er sich von den Uerdingern 1935 zum Karnevalsprinzen küren ließ.

Ihm, Peter I., folgte in vielen Jahrzehnten auf dem Prinzenthron eine große Anzahl  „Braunschweiger”.
Die „Brandschatzung, bestehend aus Pistolen und Rationen” heißt heute „Beitrag, Spenden und Eintrittspreis”; die Bürger versuchen immer noch, ab und zu Widerstand zu leisten oder das Weite zu suchen, wurden aber auch in den letzten Jahren immer wieder in der eigens geschaffenen Uerdinger Halle – zu Beginn des Jahres - getrennt nach Männlein und Weiblein zusammengetrieben, um ihm, dem Braunschweiger Herzog zu Uerdingen zu huldigen und durch ein Scherflein von zurzeit 17,50 Euro dem „herzoglichen Haus zu Wohlstand zu verhelfen”.

Da diese Auftriebe den Umtrieben des Herrscherhauses gegenüber mit Sicherheit nicht ausreichend waren, treiben eine Woche später die „Braunschweiger” alle Männer und Frauen, die betont lustig sein wollen und sich in ebenso lustige Gewänder gehüllt haben, auf Wegen und Straßen des Ortes Uerdingen zusammen, um sie gemeinsam in die Uerdinger Halle zu verbringen, wo sie der Obrigkeit und dem Herrscherpaar zujubeln möchten, nicht ohne sich natürlich mit zurzeit 17,50 Euro den „Braunschweigern“ gegenüber erkenntlich zu zeigen.

So ist abzusehen, dass die „Braunschweiger” auch in den nächsten Jahrhunderten ihre Finger nicht von der Rheinstadt Uerdingen und aus den Brieftaschen der Uerdinger Bürger lassen werden.

Mit dem „Herzog Christian von Braunschweig” fing alles an - er ist immer noch unter uns und allgegenwärtig ……, oder?

 

Armin Everhardt – Consul Carnevalis der BNZ

Stand: März 2009

 

Quellen:
Uerdinger Heimatbund
Geschichte der Stadt Uerdingen am Rhein - Friedrich Lau